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Wissen · Pharmakologie

Wirkung von Cannabis: Was es kann, was es nicht kann

Medizinisches Cannabis wirkt über das körpereigene Endocannabinoid-System. Es kann Schmerzen lindern, Übelkeit reduzieren und Spastik verringern – ist aber kein Allheilmittel und nicht für jeden geeignet. Wir erklären die Pharmakologie.

Überblick

Wie wirkt medizinisches Cannabis?

Die Wirkstoffe der Cannabispflanze docken an Rezeptoren im körpereigenen Endocannabinoid-System an. Dieses System reguliert Schmerzempfinden, Schlaf, Stimmung, Appetit und Immunfunktionen.

Endocannabinoid-System

Ein körpereigenes Signalsystem mit zwei Rezeptortypen (CB1 und CB2). THC bindet stark an beide, CBD wirkt indirekt-modulierend.

Hauptwirkstoffe

THC (Δ9-Tetrahydrocannabinol) ist psychoaktiv und stark schmerzlindernd. CBD (Cannabidiol) wirkt entzündungshemmend, anxiolytisch und nicht berauschend.

Entourage-Effekt

Die Gesamtwirkung einer Sorte ergibt sich aus dem Zusammenspiel aller Cannabinoide und Terpene – nicht nur aus dem THC-Gehalt allein.

Anerkannte Indikationen

Wofür wird Cannabis eingesetzt?

In Deutschland kann medizinisches Cannabis bei vielen Erkrankungen verschrieben werden, wenn Standardtherapien nicht ausreichen. Die häufigsten Anwendungsgebiete:

Chronische Schmerzen

Häufigste Indikation

Beispiele
Neuropathie, Fibromyalgie, Tumorschmerz
Wirkung
Schmerzdämpfung über CB1-Rezeptoren

Spastik & MS

Bewegungsstörungen

Beispiele
Multiple Sklerose, Querschnittlähmung
Wirkung
Reduktion krampfartiger Muskelspannung

Übelkeit & Appetit

Onkologie & HIV

Beispiele
Chemotherapie-Übelkeit, Kachexie
Wirkung
Antiemetisch, appetitsteigernd

Off-Label gilt: Wirksamkeit muss plausibel sein

Cannabis kann auch bei nicht offiziell genannten Erkrankungen verschrieben werden. Voraussetzung ist, dass bisherige Therapien ausgeschöpft sind und ein plausibler therapeutischer Nutzen zu erwarten ist. Die Krankenkasse muss die Kostenübernahme dann genehmigen.

Etablierte Anwendungsgebiete

Wo Cannabis sonst noch eingesetzt wird

Neben den drei häufigsten Indikationen ist Cannabis bei vielen weiteren Krankheitsbildern etabliert oder wird intensiv erforscht. Die Liste ist nicht abschließend — ausschlaggebend ist immer die individuelle ärztliche Bewertung.

Epilepsie

Vor allem CBD-betonte Präparate. Bei seltenen, therapieresistenten Epilepsie-Formen (z.B. Dravet-Syndrom) auch zugelassen.

Tourette & ADHS

Tic-Reduktion und Konzentration. Wissenschaftliche Datenlage bei ADHS noch begrenzt, klinische Berichte ermutigend.

Chronische Darm-Erkrankungen

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa: Reduktion von Schmerzen, Krämpfen und Entzündungsaktivität.

Schlafstörungen & Angst

CBN- und Linalool-betonte Sorten unterstützen den Schlaf, CBD-Anteil hilft bei Angststörungen.

Wirkstoffe im Detail

Die wichtigsten Cannabinoide

Über 100 verschiedene Cannabinoide kommen in der Cannabispflanze vor. Pharmakologisch werden sie unterschieden in **psychotrope** Stoffe (THC, THCV, CBN — euphorisierend) und **psychoaktive** Stoffe (CBD, CBG, CBC und die Säureformen — wirken auf Wahrnehmung und Stimmung, ohne zu berauschen). Die vier wichtigsten:

THC

Stark schmerzlindernd, antiemetisch, muskelentspannend. Psychoaktiv – sorgt für die typische Berauschung. Hauptwirkstoff bei den meisten Therapien.

CBD

Entzündungshemmend, krampflösend, anxiolytisch. Nicht psychoaktiv. Ergänzt THC oder wird isoliert eingesetzt (z.B. bei seltenen Epilepsie-Formen).

CBG

"Mutter-Cannabinoid", aus dem THC und CBD entstehen. Antibakteriell, neuroprotektiv. Geringe Konzentrationen, gewinnen aber an Bedeutung.

CBN

Entsteht beim Abbau von THC. Schwach psychoaktiv, vor allem sedierend. Interessant bei Schlafstörungen.

Sicherheit

Nebenwirkungen & Risiken

Cannabis ist gut verträglich, aber kein nebenwirkungsfreies Medikament. Bei korrekter ärztlicher Begleitung sind die meisten Effekte mild und vorübergehend.

Nicht geeignet bei: schwerer Herz-Kreislauf-Erkrankung, Schwangerschaft, Stillzeit, Psychose-Vorgeschichte oder bei Patienten unter 18 (Ausnahmen nur in Spezialindikationen).

1
Häufig (>10 %)
Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, gerötete Augen, gesteigerter Appetit. Treten vor allem in der Eingewöhnungsphase auf, nehmen meist ab.
2
Gelegentlich (1 – 10 %)
Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Stimmungsschwankungen. Oft dosisabhängig – Dosisanpassung mit dem Arzt prüfen.
3
Selten
Herzklopfen, Angstzustände, vorübergehende Verwirrtheit. Bei wiederholtem Auftreten Therapie überdenken.
4
Suchtpotential
Bei medizinischer Anwendung niedrig, aber existent. Bei Daueranwendung kann eine Toleranzentwicklung auftreten — sprechen Sie auch das mit Ihrem Arzt durch.
Sicherheit

Womit Cannabis nicht harmoniert

Drei Punkte, die Patienten und Ärzte vor Therapiebeginn klären sollten — sie betreffen Wechselwirkungen, klare Nicht-Indikationen und gefährliche Verwechslungen mit illegalen Produkten.

CBD-Wechselwirkungen

CBD interagiert mit über 50 Medikamenten — u.a. Immunsuppressiva, Antikonvulsiva und Blutverdünnern. Es kann Leberenzyme (Transaminasen) erhöhen. Bringen Sie Ihre vollständige Medikationsliste in jede Beratung mit.

Wofür Cannabis NICHT wirkt

Bei **Depressionen, Psychosen, Demenz und Glaukom** ist eine Wirksamkeit nicht belegt — teils sogar kontraproduktiv. Cannabis ist kein Allheilmittel, sondern ein gezieltes Therapeutikum.

Synthetische Cannabinoide (Spice/K2)

Auf dem Schwarzmarkt werden Hanfprodukte mit **synthetischen Cannabinoiden** besprüht. Sie wirken vielfach stärker als THC und tragen ein **unkalkulierbares Psychose-Risiko**. Beziehen Sie Cannabis ausschließlich aus einer Apotheke.